Pfingstag-Verlag

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Das Geheimnis der Oberen Heide

Die Idee

Die Umsetzung und das Ziel

Leseproben: Wochenende

Titelbild - Das Geheimnis der Oberen HeideSo hatte sich das Tom nicht vorgestellt! „Das kann ja heiter werden!“, brummte er missmutig und trat gegen einen Kieselstein. Klackernd hüpfte das Steinchen über die Straße und verschwand raschelnd im Gras. „Als ob die Schule nicht schon schlimm genug wäre! Nein, jetzt muss auch noch der dazukommen!“ Toms Laune war im Keller. Er trauerte den vergangenen sechs Wochen Sommerferien nach, denn der Start in den Schulalltag verlief wie jedes Jahr ein bisschen holperig. Daran hatte sich Tom gewöhnt; aber dass nun dieser Neue in der Klasse war, das schmeckte ihm gar nicht. Die erste Woche nach den Ferien war vorbei, und er hatte schon die Nase voll. Gott sei Dank stand das Wochenende vor der Tür, und das Wetter versprach schön zu werden.

Tom war jetzt in der achten Klasse. Schon lange hatte er sich an die Busfahrten gewöhnt. Obersteinhausen besaß nun mal kein Gymnasium, und so pendelte er täglich nach Göpfingen, einem kleinen Städtchen, etwa zehn Kilometer entfernt. Der Heimweg von der Bushaltestelle nach Hause half ihm meistens, die Schule hinter sich zu lassen. So auch heute. Als er ihr Haus und den Garten sah, war der meiste Ärger schon verraucht.

Frau Dietz hatte ihren Sohn kommen sehen und erwartete ihn an der Tür: „Schön, dass du wieder da bist!“, rief sie ihm entgegen und kämpfte dabei mit Sergeant Pepper, der vor Freude kaum zu bändigen war. Angestrengt hielt sie ihn am Halsband fest. Fiepsend, kläffend, winselnd, heulend und vor Aufregung zitternd hüpfte er wie ein Gummiball auf und ab. Toms Mutter hatte größte Mühe mit ihm. Schließlich war sie es leid und ließ das Halsband los. Mit Karacho stürmte Sergeant Pepper Tom entgegen, und mit einem kräftigen Satz warf er ihn zu Boden.
„Halt! Nicht! Lass’ das, Sergeant!“, protestierte Tom lachend und versuchte sein Gesicht so gut es ging, vor der feuchten Schlabberzunge des Schnauzers zu schützen. Mit mäßigem Erfolg. Um die Wahrheit zu sagen: Tom erhielt eine vollständige Gesichtswäsche. „Aus jetzt!“, befahl er mit letzter Kraft und bekam vor Lachen beinahe keine Luft mehr. Der Sergeant ließ von ihm ab, und gemeinsam gingen sie ins Haus.
„Hallo Mum“, grüßte Tom seine Mutter, „was gibt’s denn heute Feines?“ Er warf seine Schultasche ins Eck und steuerte geradewegs in die Wohnküche.
Frau Dietz schüttelte lächelnd den Kopf und schloss die Tür. „Nette Begrüßung. Da weiß man, worauf es ankommt!“ Sie ging ebenfalls in die Küche. „He, so geht das aber nicht!“, rief sie empört, als die entdeckte, wie Tom aus den Töpfen naschte. „Warte gefälligst, bis das Essen fertig ist!“ Sie schob Tom vom Herd weg. Er war im letzten Jahr ganz schön gewachsen und beinahe so groß wie sie selbst. „Ab zum Händewaschen und nimm das Fellbündel gleich mit! Ich ruf’ euch dann. Julia ist auch schon da.“

„Komm, Sergeant, wir wollen mal sehen, wie es dem Schwesterherz nach der ersten Schulwoche geht!“ Sie gingen die Treppe hoch, Tom klopfte an Julias Tür und öffnete diese einen Spalt; gerade so weit, dass Sergeant Pepper durchpasste: „Los, Alter, gib Gas!“, flüsterte er dem Pfeffer-Salz-Schnauzer ins Ohr. Das ließ sich der Sergeant nicht zweimal sagen: Er überfiel mit Begeisterung Julias Zimmer.
„Sergeant Pepper? Was fällt dir ein? Raus hier! Ich hab’ dich nicht gerufen! Wirst du wohl mein Hosenbein loslassen?“
Tom streckte grinsend den Kopf ins Zimmer: „Probleme Schwesterchen?“ Als Antwort erhielt er postwendend ein Kissen ins Gesicht. „Au!“ Er rieb sich die Nase und kam ins Zimmer.
Knurrend zerrte Sergeant Pepper Julia vom Bett. Sein Stummelschwänzchen rotierte wie ein Propeller, er raufte für sein Leben gern.
„Jetzt reicht’s aber!“ Julia war auf den Boden geplumpst. Mit einer raschen Bewegung griff sie dem Sergeant ins Maul und schob seine Kiefer auseinander. Der Schnauzer gab nach und ließ sie los. „Böser Hund!“, schimpfte sie halb ernst, halb lachend und kroch zurück auf ihr Bett. „Tom ist ja der eigentliche Übeltäter!“
„Och, Julia, ich wollt’ dich nur aufheitern! So nach der ersten Woche im neuen Schuljahr.“
Julia verdrehte die Augen: „Hör’ mir bloß auf!“
„Na, na, na! Schon keine Lust mehr?“
„Wenn du so eine zickige Heulsuse wie ich in die Klasse bekommen hättest, würdest du auch schon wieder die Nase voll haben!“ Julia blies  die Backen auf. „Sabine Wächter!“, rief sie übertrieben laut.
Tom stutzte: „Moment, Wächter?“
Julia nickte mit saurer Miene.
„Das Ekel, das wir in die Klasse bekommen haben, heißt genauso!“, staunte Tom und fühlte sich unangenehm an die vergangenen Tage erinnert. „Aber eine Heulsuse ist der bei weitem nicht! Schon eher das Gegenteil davon! Ich glaube, fast jeder in der Klasse hat von ihm bereits eine Backpfeife erhalten! Wo der hinhaut, da wächst kein Gras mehr!“ Tom rieb sich seine Schulter. Erst heute Morgen hatte er Bekanntschaft mit der Faust des Neuen gemacht. 
„Wie heißt er denn mit vollem Namen?“
„Peter Wächter. Will aber, dass man ihn Pete nennt. Er findet das cooler! Wer sich nicht an den Spitznamen hält, fängt eine. Du kannst mir glauben: Alle sagen nur noch Pete zu ihm.“
„Vielleicht sind die beiden tatsächlich Geschwister“, überlegte Julia. „Dürfte kein Problem sein, das in der nächsten Woche herauszufinden!“
„Ich werde den nicht fragen, ob er eine Schwester hat! Mein Bedarf an blauen Flecken ist gedeckt!“ Tom winkte entschieden ab.
„Ich knüpfe mir Saby in einem günstigen Moment mal vor. Sie besteht übrigens auch auf ihren Spitznamen und keift gleich los, wenn sie einer aus Versehen Sabine nennt. Noch so ’ne Gemeinsamkeit!“, grinste Julia, deren Interesse an dem ungleichen Paar geweckt worden war. Sie wollte mehr über die Wächters erfahren.
„Jedenfalls ist jetzt Wochenende!“, wandte sich Tom einem erfreulicheren Thema zu und war fest entschlossen, sich darin durch nichts und niemanden stören zu lassen. „Bruno wird uns sicher vermissen!“
„Stimmt.“ Julia konnte es für einen Moment nicht fassen, dass über eine Woche vergangen war, als sie ihn zum letzten Mal gesehen hatten. Sie waren richtig gute Freunde geworden. Eigentlich gehörte Bruno inzwischen zur Familie. Er war so etwas wie ein „Kumpel-Onkel-Opa-Freund“ und unverzichtbarer Teil im Leben der Familie Dietz geworden. „Hoffentlich macht er sich keine Sorgen, weil er so lange nichts von uns gehört hat“, plagte Julia ein wenig das schlechte Gewissen.
„Das ändern wir noch heute!“, entschied Tom, und somit war klar, was nach den Hausaufgaben folgte: ein Besuch bei Bruno.
Herr Dietz kam am frühen Nachmittag nach Hause, als er die drei aus der Tür stürmen sah.
„Tag, Paps!“, rief Tom im Vorbeirennen.
„Klasse, dass du da bist! Tschüss!“ Julia drückte ihrem Vater einen Kuss auf die Wange und verschwand ebenso schnell wie Tom in der Garage. 
Auch der Sergeant hatte nur ein beiläufiges „Wuff!“ für Herrn Dietz übrig. Er wollte keinesfalls zurückbleiben.
„Ts, ts, ts“, murmelte der Vater schmunzelnd und freute sich über die liebevolle Umarmung seiner Frau zur Begrüßung. „Ja, ja, die Kinder!“, klang er etwas versonnen. Gemeinsam warteten sie auf der Treppe, bis die zwei Racker mit den Rädern den Hof verlassen hatten.
„Die gehen schon eher in die Richtung von Jugendlichen“, berichtigte Frau Dietz ihren Mann. „Wie wär’s mit einem Tässchen Kaffee?“
Herr Dietz nickte dankbar.

Heute war ein richtig schöner Spätsommertag: blauer Himmel, Sonnenschein und 25 Grad Celsius warm.
„Super!“, freute sich Tom. Genüsslich sog er die warme Luft in die Nase. Sie roch schon ein bisschen nach Herbst. Wie üblich rannte Sergeant Pepper neben Tom und Julia her. Ihm tat der Auslauf gut, besonders dann, wenn es nicht mehr ganz so heiß war. 
„He, Tom, schau mal!“, rief Julia plötzlich und zeigte auf ein altbekanntes Fahrzeug, das in einer Nebenstraße stand. „Ist das nicht Hubses Transporter?“
Tom blickte in die angedeutete Richtung. Ja, da stand tatsächlich ein Fahrzeug der Gemeindeverwaltung Obersteinhausens, und der Motor eines Rasenmähers war zu hören. „Komm, wir gucken mal!“
Die Geschwister bogen ab und entdeckten kurz darauf Hubse, wie er konzentriert und geschäftig den Rasen eines kleinen Spielplatzes mähte, der eigentlich nur aus einem Sandkasten und einer Schaukel bestand. Trotzdem hatte es Hubse sehr wichtig. Zumindest zeigte er ein sehr erstes Gesicht und achtete auf nichts anderes. 
„Den überraschen wir!“, grinste Julia und versteckte ihr Fahrrad hinter dem Transporter; Tom tat es ihr nach.
„Pscht!“, flüsterte er dem Sergeant mit auf den Mund gelegtem Zeigefinger zu. Der Schnauzer spitzte die Ohren und verstand. Sie warteten, bis Hubse an ihnen vorüber war. Dann schlichen sie ihm hinterher. Besonders leise brauchten sie dabei nicht sein, der Rasenmäher machte einen Höllenlärm. Sobald sie direkt hinter Hubse waren, zählte Julia mit den Fingern auf drei. Das war das Zeichen: „Buh!“, brüllten die Geschwister aus Leibeskräften, und der Sergeant unterstützte sie mit lautem Gebell.
Erschrocken zuckte Hubert Grün zusammen und ließ vor lauter Schreck den Rasenmäher los. „Hilfe!“, rief er laut und drehte sich um. Mit großen Augen starrte er Tom und Julia an. Sie bogen sich vor Lachen und freuten sich diebisch über ihre gelungene Aktion.
„Ja gibt’s denn so was?“ Empört stemmte Hubert die Hände in die Hüfte und war kurz davor, sich richtig zu ärgern: „Na wartet!“, setzte er sauer an, da fiel ihm ein, dass der Rasenmäher nun herrenlos über den Spielplatze tuckerte. „Ach du liebe Zeit!“ Hubse schaute sich nach seinem Gerät um. Voll Schreck sah er, wie der Mäher eine Schneise durch das Rosenbeet geschlagen hatte und nun zielgerichtet auf das kleine Bächlein zusteuerte. Gewiss, nur ein Rinnsal, aber in einem tiefen Graben und umringt von hohem Schilf. Das Bächlein begrenzte auf einer Seite den Spielplatz. „Ojemineh!“ Hubse vergaß seinen Ärger und rannte dem Rasenmäher hinterher. Das sah schon sehr witzig aus mit seiner blauen, etwas zu großen Latzhose und den gelben Gummistiefeln, die er trotz der Wärme anhatte. Doch er kam zu spät. Unter lautem Getöse und dem Verursachen einer Staubwolke verschwand der Mäher im Schilf. Einen Moment später gab er noch ein „Blubb“ von sich, dann war der Motor aus.
„Ups“, flüsterte Julia ihrem Bruder aus dem Mundwinkel zu und fragte sich, ob es jetzt nicht besser wäre, sich, im wahrsten Sinn des Wortes, aus dem Staub zu machen.
Derweil war Hubse seinem Rasenmäher ins Dickicht des Schilfs gefolgt und hatte ihn tatsächlich im Graben wiedergefunden. Er steckte bis zum Auspuff im Matsch. „So ein Dreck!“, schimpfte er und mühte sich, die Maschine den Graben hochzuziehen. 
Tom eilte zu Hubse hinüber und streckte ihm die Hand entgegen. „Tut uns leid. Wir haben vergessen, wie schreckhaft du sein kannst. Frieden?“
Mürrisch ergriff Hubert die angebotene Hand, und gemeinsam schafften sie es, den Mäher aus dem Graben zu ziehen. Hubse stand der Schweiß auf der Stirn. Sein einziger Gedanke galt im Moment dem Rasenmäher. War er nun kaputt? Sofort versuchte er ihn zu starten und zog dazu ein paarmal am Startzug. Doch mehr als ein lustloses Geblubber war dem Motor nicht zu entlocken. „Sprichwörtlich abgesoffen!“, brummte Hubse und warf sich ins Gras.
„Ist er hinüber?“, fragte Julia vorsichtig, als sie mit Sergeant Pepper zu ihnen gekommen war. Aufmunternd leckte der Schnauzer Huberts Hand.
„Ich glaube nicht. Wir müssen eben eine Weile warten, bis das Benzin im Luftfilter verdunstet ist, dann springt er wieder an.“ Hubert wischte sich mit seinem Taschentuch übers Gesicht.
Die Geschwister hatten ein schlechtes Gewissen. So war das alles nicht gedacht gewesen. „Ein Eis zur Versöhnung?“, fragte Tom. Er hatte noch fünf Euro in der Tasche.
Beim Stichwort „Eis“ hellte sich Hubses trübes Gesicht auf. Für Tom Anzeichen genug, sich gleich auf den Weg zu machen, um am Kiosk welches zu holen.
Julia blieb mit Sergeant Pepper bei Hubse: „Tut uns wirklich leid!“, entschuldigte sie sich nochmals. Sie setzte sich neben ihn. „Aber lustig war’s schon“, schmunzelte sie.
Hubse ließ seinen Blick über den Spielplatz wandern, und um seine Mundwinkel spielte ein leichtes Grinsen, als er die Spur des Rasenmähers sah.
„Findest du nicht auch?“, blinzelte Julia ihn an.
Hubert Grün versuchte, seinen mürrischen Gesichtsausdruck aufrecht zu erhalten, aber er konnte es nicht verhindern, dass sich seine Lippen immer weiter auseinanderzogen. „Nein, das war sehr gemein!“, beharrte er leicht kichernd.
Nun wusste Julia, dass Hubses Ärger verflogen war. 
Bald darauf traf Tom mit drei Tüten Eis ein. Dem Sergeant lief sofort das Wasser im Mund zusammen. „Mach’ dir da mal keine falschen Hoffnungen“, lehnte Tom ab und reichte Hubse und Julia jeweils eine Tüte.
„Danke!“, sagten sie fast gleichzeitig und packten das Eis aus. „Mmh, Schokolade!“, schmatzte Hubse. Spätestens jetzt war er wieder vollkommen versöhnt. 
Tom freute sich darüber: „Das ist doch ein toller Auftakt für das Wochenende!“
„Stimmt schon“, grinste Hubse und wischte sich mit dem Handrücken die Lippen ab. Aber nur einen Moment später wurde sein Blick wieder finster.
„Stimmt mit dem Eis etwas nicht?“ Julia war seine Veränderung sofort aufgefallen.
„Ne, ne, das schmeckt klasse!“, winkte Hubse ab. „Mir ist nur eben eingefallen, dass ich erst Wochenende hab’, wenn ich auf der Oberen Heide mit Mähen fertig bin.“
„Obere Heide? Noch nie davon gehört. Was ist das?“
„Kein guter Ort, Tom.“ Nun schmeckte Hubse sein Eis gar nicht mehr. „Hier, für dich!“ Er hielt die Tüte Sergeant Pepper hin. Der ließ sich natürlich nicht zweimal bitten und schlabberte voller Genuss das Eis; auch die Waffeltüte verdrückte er bis auf den letzten Krümel.
„Da drüben!“ Hubse deutete auf einen bewaldeten Höhenzug, der ein ganzes Stück von Obersteinhausen entfernt lag. Einige Bäume auf ihm hatten schon Herbstfärbung bekommen.
„Und?“, fragte Julia.
„Dort gibt es eine Hochfläche mit einem eingezäunten Gelände, auf dem ein paar Holzhütten, richtige Baracken, stehen. Das ganze Gebiet gehört zu Obersteinhausen, und ich muss heute noch den Rasen innerhalb des Zauns mähen.“ Hubse winkelte die Knie an, stützte seine Ellenbogen darauf und legte den Kopf in die Hände.
„Und weiter?“ Tom hatte noch nicht verstanden, was daran so schlimm sein sollte.
„Da oben ist es so still und so unheimlich. Ich geh’ da nicht gerne hin! Irgendwie gruselig.“
Tom schaute Julia an und zuckte mit den Schultern. Er wurde aus Hubses Äußerungen nicht schlau, und es blieb auch keine Gelegenheit für weitere Fragen, denn Hubse war aufgestanden und machte sich wieder am Mäher zu schaffen.
„Es hilft ja alles nichts, die Arbeit muss getan werden.“ Er probierte, den Mäher zu starten. Tatsächlich sprang er nun sofort an. „Tschüss, ihr beiden! Wenn ich heute noch fertig werden will, dann muss ich jetzt Gas geben. Danke für das Eis!“ Er setzte das Mähen fort.
Die Geschwister sahen ihm noch so lange zu, bis sie ihr Eis gegessen hatten. „Hubse sieht wirklich nicht glücklich aus“, meinte Julia und winkte ihm zum Abschied zu.
„Vielleicht weiß ja Bruno etwas über die Obere Heide!“, rief Tom seiner Schwester beim Wegfahren zu, um den Lärm des Rasenmähers zu übertönen.

Leseproben: Die Obere Heide

Kapitel - Die Obere Heide„Julia, Tom, Sergeant Pepper!“, lachte Bruno hocherfreut, als er die drei vor seiner Tür stehen sah. „Kommt rein! Kommt rein!“, rollte seine tiefe Stimme aus dem Dickicht seines gewaltigen Bartes hervor. „Ich weiß ja gar nicht mehr, wie ihr ausseht!“
„Bruno, wir haben uns nur eine Woche lang nicht gesehen!“ Julia verdrehte mit gespielter Empörung die Augen.
„Hö, hö, hö! Setzt euch! Wie wär’s mit einem Rädchen Wurst, Sergeant?“
Der Angesprochene spitzte die Ohren, legte den Kopf schief, war mit einem Satz in der Küche und wartete vor dem Kühlschrank.
„Na, diese Antwort ist wenigstens eindeutig!“, schmunzelte Bruno, während er in die Küche ging. Nachdem er dem Schnauzer sein Schmankerl gegeben hatte, kam er mit drei Gläsern, Mineralwasser und Saft zurück. Sogar eine Packung Knabberzeug fand in seinen Armen und großen Händen noch Platz. Mühelos stellte er alles auf den Tisch: „Bedient euch!“
„Danke, das Eis hat durstig gemacht!“ Tom schenkte sich ein. „Ihr auch etwas?“
Bruno und Julia nickten.
„Stell’ dir vor, wen wir getroffen haben! Hubse!“ Julia grinste und erzählte von dem Abenteuer mit dem Rasenmäher.
Brunos Bauch hüpfte vor lachen, als er sich Hubert Grün auf der Jagd nach dem Rasenmäher vorstellte. Seit vergangenem Sommer war er zu einem fröhlichen „Riesen“ geworden, denn in seinem Leben waren Wunder geschehen. Immer wenn er sich zum Gebet vor sein Kreuz und die Bibel setzte, überkam ihn unbeschreibliche Freude und er dankte Gott jeden Tag für die Freundschaft zu den Geschwistern und zu Sergeant Pepper. Alles hatte sich vollständig gewandelt: Ihm war so etwas wie eine neue Familie geschenkt worden, und die Versöhnung mit den Obersteinhausenern machte gute Fortschritte. Die Leute grüßten ihn wieder, und er hatte keine Angst mehr, wenn er mal einer Besorgung wegen ins Dorf musste. Das alte Misstrauen war auf beiden Seiten so gut wie verschwunden! Die einsamen, traurigen Tage, allein in seinem Steinbruch, gehörten der Vergangenheit an, auch deshalb, weil immer wieder Interessierte und Wissenschaftler vorbeikamen, um den Fundort des geheimnisvollen Sauriers persönlich zu sehen. „Hubse wird immer ein Kind bleiben!“, dröhnte er lachend und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel.
Tom und Julia lachten mit. Die Geschichte zu erzählen, war mindestens genauso lustig, wie sie erlebt zu haben. Nachdem sich alle drei beruhigt hatten, fragte Tom: „Bruno, was ist die Obere Heide?“
„Die Obere Heide? Wie kommt ihr denn da drauf?“
„Hubse hat von ihr erzählt. Er mag die Gegend nicht besonders“, antwortete Julia.
„Hm.“ Bruno strich sich über den Bart. „Obersteinhausen hatte dort vor vielen Jahren mal einen Bauhof mit dem Lager für das Streusalz. Irgendwann war der Standort dem Bürgermeister dann zu abgelegen, und die Gemeinde gab ihn auf. Ziemlich einsame Gegend.“
„Das ist alles?“ Julia klang enttäuscht. „So wie Hubse darüber gesprochen hatte, muss es da mindestens spuken!“
„Spuken? Na, ich weiß nicht.“
„Gehst du mit uns hin?“, fragte Tom.
„Wann? Jetzt?“
„Nichts dagegen!“
„Au ja!“, rief Julia begeistert. „Dort waren wir noch nie!“
„Na, wenn es euch so wichtig ist ...“ Bruno war über das große Interesse der Geschwister erstaunt. „Da gibt’ s aber nicht viel zu sehen! Nicht, dass ihr hinterher enttäuscht seid!“, schränkte er ein und begab sich auf die Suche nach dem Autoschlüssel.
Zufrieden zwinkerte Julia ihrem Bruder zu: Sie hatten ihr Ziel erreicht! Nur wenige Augenblicke später saßen alle vier im Geländewagen. Bruno startete und gab Gas.
„Coole Staubwolke! Das gefällt mir immer wieder!“, freute sich Tom, als er nach hinten blickte. Das Vergnügen dauerte allerdings nur so lang, bis sie auf die geteerte Straße am Ende des Waldwegs einbogen. Sie ließen Obersteinhausen rechts neben sich und fuhren Richtung osten. Nach ein paar Kilometern bog Bruno von der Landstraße ab. Eine kleinere Straße führte in den Wald hinein und dann steil bergauf. Oben wurde es rasch wieder flacher. Der Wald wich einer weiten, offenen Wiesenlandschaft, die mit Hecken und einzelnen Bäumen getüpfelt war.
„Hier ist es aber schön!“, staunte Julia aus dem Seitenfenster hinaus. Die anderen im Wagen teilten ihre Meinung.
„Seht!“ Bruno deutete nach vorn.
In einiger Entfernung kamen Gebäude in Sicht. Rasch näherten sich die Freunde diesen, nur wenige Augenblicke später hatten sie ihr Ziel erreicht und konnten aussteigen. 
„He, Sergeant Pepper, du Schlafmütze! Wir sind da!“, rief Julia den Schnauzer. Er hatte es sich auf der Rücksitzbank gemütlich gemacht und zeigte wenig Lust, seinen angenehmen Platz aufzugeben. „Dann bleib eben drin! Ich lasse die Tür auf.“ Gemeinsam mit Tom und Bruno wandte sich Julia dem Gelände zu. Es war mit unterschiedlich großen Holzhütten und Lagerhäusern bebaut. In der Luft lag der Geruch von frisch gemähtem Gras.
„Wie still es hier oben ist!“ Tom schaute sich verblüfft um.
„Offensichtlich hat sich Hubse mit dem Mähen beeilt, sonst müssten wir ihn ja noch hören.“ Bruno legte die Hand an die Stirn und beschattete die Augen, damit er besser sehen konnte.
„Er ist schon fort.“ Julia ging auf die Gebäude zu. „Da ist ja ein Zaun!“, bemerkte sie enttäuscht. Zu gerne hätte sie sich zwischen den Hütten, die meisten waren eher baufällige Holzbaracken, umgesehen.
„Lasst uns mal den alten Bauhof umrunden“; schlug Tom vor und machte sich gleich auf den Weg. Julia und Bruno folgten ihm. Die Freunde erkannten, dass die Baracken im Viereck angeordnet waren. Im Innern dieses Vierecks war ein großer, freier Platz. Etwas abseits standen ein paar Schuppen. Sie waren deutlich höher als die Baracken und in einem wesentlich besseren Zustand.
„Die sind später dazugekommen“, erklärte Bruno. „Darin lagerte unter anderem das Streusalz für den Winter.“
Etliche der einfachen Holzhütten befanden sich im Zerfall. Die meisten ihrer Fenster waren kaputt, bei manchen war das Dach eingedrückt, und aus einer wuchs sogar ein Bäumchen. Julia setzte das alles zu. So schön die Landschaft der Oberen Heide war, so schwer drückte ihr die Traurigkeit dieses Ortes aufs Gemüt: „Mir gefällt’s hier nicht! Ich möchte gehen!“
Bruno und Tom verstanden, was sie meinte. Das eingezäunte Gelände umgab eine unheimliche Schwere.
„Kaum auszuhalten“, bestätigte Tom das Gefühl seiner Schwester. „Weißt du, was hier oben vor dem Bauhof war?“
Bruno zuckte mit den Schultern. „Alle sprachen immer nur vom Bauhof und später, als er geschlossen war, vom alten Bauhof.“
„Nun verstehe ich Hubse besser. Ich würde hier auch nicht gerne den Rasen mähen.“ Julia schluckte und machte sich schnurstracks auf zum Geländewagen. 
„Sergeant Pepper ist nicht mehr im Auto!“, rief sie, als sie dort angekommen war. „Wo steckst du schon wieder?“
„Der ist bestimmt in der Nähe!“ Tom war gelassen. Der Pfeffer-Salz-Schnauzer entfernte sich normalerweise nie weit von ihnen.
„Gerade dann, wenn ich von hier weg will, muss der fehlen!“ Julia trat zornig gegen den Autoreifen.
„He! Moment mal! Was kann denn mein Auto dafür, wenn euer Hund weg ist?“, brummte Bruno mit gespieltem Ernst.
„Seid still!“ Tom legte den Zeigefinger auf den Mund. „Hört doch!“
Von irgendwoher kamen Geräusche, die sich nach Prusten und Knurren anhörten.
„Das ist doch der Sergeant!“, flüsterte Julia und machte sich auf die Suche nach ihm. Hinter einer Hecke fand sie den Vermissten. Der Sergeant nahm nicht die geringste Notiz von ihr. Dafür war er viel zu beschäftigt. Sein Kopf steckte tief in einem Erdloch. Wild schnüffelte er darin herum; dann machte er einen Satz und buddelte wie besessen mit seinen Vorderpfoten tiefer. Störende Wurzeln zerbiss er wütend und zerrte solang an ihnen, bis sie ihn beim Graben nicht mehr stören konnten. „Er maust!“, rief Julia Tom und Bruno zu, die beim Geländewagen geblieben waren. Sie ging auf den Schnauzer zu: „Sergeant, es reicht! Guck dich mal an, wie du aussiehst! Meine Güte, wir werden dich abduschen müssen!“ Julia zog ihn am Halsband. „Jetzt komm’ schon!“, stöhnte sie, aber Sergeant Pepper wollte sein Vergnügen partout nicht aufgeben. „Sei ein artiger Hund!“ Keuchend zerrte sie weiter. Plötzlich gab der Sergeant überraschend nach, und Julia purzelte auf den Hosenboden. Doch ohne Trophäe wollte er nicht davonziehen. Er schnappte nach etwas und hielt es voller Stolz in seinem Maul. Wenn schon keine Maus, dann wenigstens das! Mit hocherhobenem Stummelschwänzchen trollte er sich und ließ Julia im Gras sitzen. „Na, du bist mir ja ein schöner Freund!“, maulte sie und rieb sich den Hintern.
Sergeant Pepper hatte indessen den Geländewagen erreicht und wollte mit einem Sprung auf den Rücksitz hüpfen. Im letzten Moment bekam ihn Tom gerade noch zu fassen: „Bürschchen, so geht das nicht! Erst mal ein bisschen sauber machen! Bruno halte ihn mal, damit er uns nicht wieder ausbüxt! Das, was jetzt kommt, mag er nämlich gar nicht!“
Bruno brummte zustimmend und beugte sich über Sergeant Pepper. Mit seinen bratpfannengroßen Händen packte er den Schnauzer am Bauch. Der Sergeant merkte sofort, dass jeder Fluchtversuch zum Scheitern verurteilt war. Er fühlte sich wie in einem Schraubstock. Also verhielt er sich lieber still und ließ die Reinigungsprozedur über sich ergehen. Tom rieb Sergeant Peppers Fell mit den Händen ab. Zum Glück war die Erde trocken, aber dafür staubte es gewaltig. Als Tom Peppers Schnauze abrieb, sah er etwas matt Glänzendes aus dessen Mundwinkel blitzen. Dabei hatte sich der Sergeant so bemüht, seine Trophäe geheim zu halten!
„He, was ist denn das?“, rief Tom erstaunt und griff dem Schnauzer ins Maul. Der war nun gar nicht gewillt, seine Beute herauszugeben und versuchte mit allen Mitteln, seinen Kopf aus Toms Händen zu winden.
„Sergeant Pepper, du hast ganz schön Kraft!“, lachte Bruno und hielt den widerspenstigen Schnauzer noch etwa fester.
„Aus jetzt!“, befahl Tom barsch.
Julia kam dazu: „Was geht hier ab?“ Sie sah Sergeant Peppers hilfesuchenden Blick.
„Der hat was Metallisches im Maul!“, keuchte Tom und mühte sich nach Kräften, doch der Sergeant blieb stur und knurrte ärgerlich.
„Lass mich mal!“, schlug Julia vor.
„Weil du wohl mehr Kraft hast als ich?“, empörte sich Tom.
„Nee, aber mehr Köpfchen!“
„Hallo, werd’ nicht frech!“
Julia beachtete ihren großen Bruder nicht weiter und sagte nur: „Leckerli!“
Sofort spitzten sich Sergeant Peppers Ohren, und er sah zu Julia auf. Sie hatte in ihre Tasche gegriffen und einen kleinen Hundecracker herausgeholt. Zu dumm, dass der ihr vorhin nicht eingefallen war. Er hätte bestimmt auch am Mauseloch Wunder gewirkt! Sergeant Pepper mochte dieses Knabberzeug für sein Leben gern. Betörender Duft stieg in seine feine Nase, und das Wasser floss ihm im Maul zusammen. Da störte so ein Metallteil doch nur! Außerdem war das Leckerli ein angemessener Ersatz für die aufgegebene Beute. Er ließ das Metall aus dem Maul gleiten und schaute Julia sehnsüchtig an.
„Braver Hund!“, lobte sie ihn mit Stolz in der Stimme und warf ihm den Cracker zu. Er fing ihn mit dem Maul auf und verdrückte ihn augenblicklich.
Bruno ließ den Sergeant los. „Was hatte er denn gefunden?“
Tom hob das Metallstückchen auf. Es war ein ovales Aluminiumplättchen, in das auf der einen Seite zwei Löcher und auf der anderen Seite ein Loch hineingebohrt waren. Quer durch die Mitte bildeten hintereinander drei schmale, gestanzte Streifen eine Bruchkante. „Hm“, murmelte Tom, „irgendwie zum Abknicken.“
„Zeig mal her!“, forderte Bruno seinen jungen Freund auf. „Ich hab’ da so einen Verdacht!“ Er nahm das Aluminiumplättchen und begutachtete es genau. Sein Gesicht wurde ernst: „Julia, liegt drüben am Mauseloch noch mehr?“
„Also, mir ist da nichts weiter aufgefallen.“
„Besser, wir sehen noch mal nach!“, entschied Bruno.
Julia nickte und führte ihn mit Tom zum Mauseloch. Der Sergeant hatte das Interesse daran verloren, blieb im gemütlichen Geländewagen und beschäftigte sich mit Körperpflege. 
„Da ist es!“ Julia zeigte mit dem Finger auf Sergeant Peppers Wühlarbeit.
„Gut.“ Bruno ging auf die Knie. Es sah aus, als ob er ins Mauseloch hineinkriechen wollte, so genau untersuchte er die Stelle.
Tom gefiel Brunos Geheimnistuerei überhaupt nicht. Er wollte endlich wissen, was das alles mit ihrem Fund zu tun hatte: „Bruno, kannst du mir mal sagen, was du da machst? Bist du nun auch am Mausen? Wir sind doch nicht zum Buddeln hier, oder?“
Bruno ließ sich von Toms Drängelei nicht stören. In aller Ruhe grub er mit den Händen noch ein bisschen weiter und nahm alles, was er in der Erde fand, in Augenschein. Schließlich stand er auf, klopfte sich die schmutzigen Hände einigermaßen sauber und brummte: „Nur Dreck und Steine. Gott sei Dank!“ Erleichtert atmete er auf. Seine Worte hatten sich wie ein Dankgebet aus tiefstem Herzen angehört. Das machte die Geschwister noch stutziger. So verhielt sich Bruno nur, wenn es sich um etwas Bedeutendes handelte.
„Und?“, fragte Julia gespannt.
Bruno hielt seinen jungen Freunden in der geöffneten Hand das ovale Aluminiumplättchen hin: „Das ist eine Erkennungsmarke.“
„Erkennungsmarke?“, riefen Tom und Julia gleichzeitig. Die beiden hatten nicht die geringste Ahnung.
„Das ist ein Überbleibsel aus dem Zweiten Weltkrieg.“
Davon hatten die Geschwister gehört, und ein bisschen wussten sie auch etwas darüber. Tom platze schier vor Neugier: „Was ist eine Erkennungsmarke?“
„Jeder Soldat besaß eine. Er musste sie immer bei sich tragen! Für den Fall, dass er getötet wurde. Mit Hilfe dieser Marke konnte geklärt werden, wer er war. Das funktioniert bis heute! Schaut!“ Er spuckte auf das Aluminium und zerrieb mit dem Finger die Spucke.
„Da steht was drauf!“, rief Tom, als er die feucht glänzende Prägung entdeckte. Auch Julia hatte große Augen bekommen.
„Ja. Die Marke gehörte einem ganz bestimmten Soldaten. Wenn er gefallen war, so brach man die Marke in der Mitte auseinander. Der obere Teil mit den beiden Löchern blieb beim Getöteten, und der untere Teil, mit dem einen Loch, ging zu der Wehrverwaltung und half, dem Toten einen Namen zu geben. Auf beiden Hälften stehen die gleichen Buchstaben und Zahlen. So erfuhren die Angehörigen, wo ihr Verwandter ums Leben gekommen war.“
Nun begriffen die Geschwister langsam, warum Bruno plötzlich so ernst geworden war. Dieser setzte fort: „Noch heute sind viele Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg vermisst. Keiner weiß, ob und wo sie gestorben sind. Das ist sehr schlimm für die Angehörigen, die gerne mehr über das Schicksal ihres geliebten Verwandten wissen möchten. Wenn nun jemand eine vollständige Erkennungsmarke findet, dann bleiben nur drei Schlüsse übrig: Entweder ein Soldat hat sie auf der Flucht weggeworfen oder verloren oder er ist getötet worden. Aber dann müsste von ihm in der Nähe der Fundstelle noch etwas zu finden sein.
„Was denn?“, fragte Julia mit leichtem Grauen in der Stimme.
„Irgendwelche Knochen, zum Beispiel“, antwortete Bruno düster.
„Brrr!“ Julia fröstelte es.
„Sergeant Pepper brachte uns eine vollständige Marke ...“, dachte Tom laut weiter und wurde bleich. „Deshalb hast du die Fundstelle untersuchen wollen!“
Bruno nickte. „Gott sei Dank habe ich nichts gefunden! Es sieht ganz so aus, als ob unsere Marke einfach weggeworfen wurde.“
„Warum haben manche Soldaten ihre Marke weggeworfen?“
„Es gab nicht wenige, Julia, die damals schlimme Dinge angestellt hatten. Wenn sie ihre Erkennungsmarke wegwarfen und ihre Uniform mit normaler Kleidung tauschten, konnte auf die Schnelle niemand so leicht herausfinden, wer sie waren, und ob sie in ihrer Zeit als Soldat Verbrechen begangen hatten.“ Bruno machte eine kleine Pause, überlegte und warf einen Blick hinüber zu den Holzbaracken. „Vielleicht hat ja unsere Marke etwas mit dem alten Bauhof zu tun?“
„Meinst du?“ Tom lief ein Schauer über den Rücken. Er hatte das Gefühl, dass Bruno gerade ein Geheimnis ausgesprochen hatte, das lieber im Verborgenen geblieben wäre. „Unheimlich.“
Bruno merkte, wie unwohl sich die Geschwister fühlten. „Besser, wir gehen!“
Erst als sie die Obere Heide hinter sich gelassen hatten, nahm Tom das Gespräch wieder auf: „Und nun?“
„Ich versuch’ etwas über den Träger der Marke herauszubekommen“, antwortete Bruno.
„Wie das denn?“, wollte Julia wissen.
„In Berlin gibt es eine Behörde, die alle Daten von deutschen Soldaten verwaltet, die am Zweiten Weltkrieg teilgenommen hatten. Vielleicht kann man uns ja dort weiterhelfen. Zudem hat mich unser Ausflug neugierig gemacht. Nächste Woche gehe ich aufs Rathaus und probiere, ein wenig über die Obere Heide in Erfahrung zu bringen.“
„Au ja!“, rief Julia. „Da gehen wir mit!“
„Natürlich!“, lächelte Bruno. „Donnerstags hat das Rathaus auch nachmittags geöffnet.“
„Cool! Hört sich ganz nach einem neuen Abenteuer an! Selbst wenn alles ein bisschen gruselig begonnen hat: Das Geheimnis um die Obere Heide muss gelüftet werden! Genau das Richtige, damit ich den Ärger in der Schule besser ertragen kann!“ Tom rieb sich begeistert die Hände.

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