Pfingstag-Verlag

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Der Fluch des Fürsten

Hier seht ihr die Bleistift-/Tuschezeichnung, die als Grundlage für das Titelbild genommen wurde sowie die Landkarte rund um das Dorf Hügelhain:

Der Fluch des Fürsten - Titelbildentwurf   Der Fluch des Fürsten - Landkarte von Hügelhain

Die Idee

Die Umsetzung

Das Ziel

Fakt

Leseprobe 1

Der Fluch des Fürsten

...

Nebel lag über der Lichtung und hatte sich vor allem im Graben gesammelt. Im anbrechenden Licht des Tages war er gut zu erkennen. Die klamme Feuchte des Dunstes und die Kühle der ausgehenden Nacht machten den Aufenthalt im Freien unangenehm. Es herrschte Stille. Die Welt schien Atem zu holen für den neuen Tag. Eine gespannte Erwartung lag über dem Plateau, selbst die Tiere hatte sie ergriffen. Nichts rührte sich im angrenzenden Wald, und kein Stück Wild zeigte sich auf den Grasflächen vor dem Heiligtum. Die ersten Strahlen der Morgensonne durchbrachen die Bäume und warfen ein goldenes Licht auf den Wall und die Palisaden. Ihr Erscheinen wurde durch den tiefen Klang der Carnyces begrüßt. Der tiefe, wummernde Ton dieser über zwei Meter großen, gebogenen Blasinstrumente erfüllte die gesamte Umgebung. Die Luft schien zu vibrieren, und der Boden bebte unter dem ohrenbetäubenden Lärm. Trommeln begannen, die Carnyces zu unterstützen. Die Zeremonie fing an.
Ogmios würde zufrieden sein. Schon lange hatte er kein frisches Menschenblut mehr getrunken. Die Priester hatten ihn mit Tieropfern bei Laune gehalten. Doch nun forderte die besondere Situation auch ein besonderes Opfer – und was für eines! Ein würdiges, ein gewaltiges, ein schreckliches, ein unheimliches!
Begleitet von Kriegern wurde Lugaid zum Opferplatz geführt. Seine Hände waren ihm auf den Rücken gebunden, dennoch war er furchteinflößend. Stolz, erhobenen Hauptes ging er dem obersten Priester entgegen und erwartete ohne jede Regung das Kommende.
Lugaids Ergreifung war für den Stamm ein Geschenk der Götter gewesen. Beim letzten Scharmützel mit seiner Bande hatten sie seiner habhaft werden können. Allerdings war der Preis hoch gewesen. Fünf der besten Krieger hatten seine Raserei mit dem Leben bezahlt, bevor sie ihn überwältigen konnten. Nun waren die Gegner ohne Anführer, zumindest vorläufig. Ja, Lugaid war ein würdiges Opfer für Ogmios, dem Gott der Unterwelt, Vater des Stammes. Diese Gabe erwies ihm eine ganz besondere Ehre.
Für den unheimlichen Krieger und Magier würde es ein besonderes Ritual geben. Zu groß war die Furcht vor ihm. Unter allen Umständen musste sichergestellt werden, dass er nach seiner Opferung auch wirklich im Schattenreich blieb.
„Ich werde euch die Haare vom Kopf fressen!“, hatte er nach seiner Ergreifung mit schrecklicher Stimme gebrüllt. Allen, die das gehört hatten, war das Blut in den Adern gefroren. Jeder fürchtete sich vor einem Feind aus dem Schattenreich, gegen den das Schwert nichts mehr half und der durch unheimliche Kräfte großen Schaden anrichten konnte.
Ogmios durfte sich an seinem Blut und Fleisch laben, genauso wichtig, oder noch wichtiger, war die Gewährleistung, dass Lugaid niemals mehr als Wiedergänger aus dem Schattenreich heraufstieg. Der Priester wusste, was zu tun war. Nach der Opferung, die sicherlich manche Erkenntnis über die Zukunft des Stammes erbrachte, musste Lugaid das Haupt vom Leib getrennt werden. Normalerweise wäre seinem Schädel ein Ehrenplatz am Torportal sicher gewesen, doch zu groß war die Angst vor ihm, auch im Tod. Der Schädel musste zerbrochen und zwischen seine Knie gelegt werden. Zusätzlich, um ganz sicherzugehen, würde der Priester die Brust der Leiche zertrümmern, dann konnte sich Ogmios an seinem verwesenden Fleisch solange satt essen, bis es verschwunden war. Dazu hatten sie eine Grube zwischen dem Opferplatz und der Quelle ausgehoben. In sie sollte Lugaid gelegt werden. So hätte es Ogmios bis zur „edlen Speise“ nicht weit, wenn er über die Quelle sein Reich verließ.
Das Ritual war nur für die Kämpfer und Priester des Stammes bestimmt. Alle wehrfähigen Männer hatten sich im Heiligtum versammelt und bildeten einen geschlossenen Kreis um die Quelle und den Opferplatz. Dort standen sich der oberste Priester und Lugaid Auge in Auge gegenüber. Keiner wich vor dem Blick des anderen zurück. Es war, als ob sie im Geiste einen Kampf miteinander austragen würden. Trotz der Kühle des Novembermorgens traten dem Priester Schweißperlen auf die Stirn.
Der entscheidende Augenblick war fast erreicht und der anschwellende Lärm der Instrumente erreichte seinen Höhe- punkt. Nur noch einen Moment, dann erstrahlten die heilige Quelle und der Opferplatz im direkten Sonnenlicht, und der Zeitpunkt war gekommen.
Abrupt stellten die Bläser und Trommler ihren Dienst ein. Schlagartig herrschte absolute Stille, und alle Augen richteten sich auf den obersten Priester. Er holte aus seinem Gewand einen bronzenen Opferdolch hervor und hielt ihn am ausgestreckten Arm in die Höhe. Nur einen Lidschlag später hatten die Strahlen der Sonne die Palisaden überstiegen und warfen ihr helles Licht auf den Dolch. Golden blitzte die Klinge auf.
Mit einem Zischen und voller Kraft rammte der Priester die Klinge oberhalb des Zwerchfells in Lugaids Brust. Augenblicklich ließen ihn die beiden Krieger, die ihn gehalten hatten, los.
Aus seiner Kehle drang ein gurgelnder Laut, der sich zu einem Brüllen entwickelte. Taumelnd ging er auf den Priester zu und spie ihm ins Gesicht: „Ich werde euch vernichten!“, donnerte er, bevor er auf die Knie sank und schließlich zuckend zusammenbrach. Der Priester beobachtete den Todeskampf genau.
Jede einzelne Verrenkung und jedes einzelne Zucken. Plötzlich wich alle Farbe aus dem Gesicht des obersten Priesters.

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Leseprobe 2

Der Fluch des Fürsten

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Sonja und Micha traten ein und nahmen am großen Tisch Platz. Staunend schaute sich Micha um. Das alte Armenhaus verströmte den Charakter von Jahrhunderten, gleichzeitig herrschte eine Atmosphäre der Freiheit und Offenheit, wie er sie schon lange nicht mehr gespürt hatte. „Es fühlt sich richtig gut an!“, dachte Micha, lehnte sich entspannt im Stuhl zurück und schaute Frederike beim Werkeln zu. Als sie vor ihren dampfenden Tassen saßen, nahm Frederike das Gespräch wieder auf: „Wie kommt’s, dass ihr euch kennt? Und was hat euch zu mir geführt?“
„Nun ja, kennen tun wir uns seit letzter Nacht“, begann Micha. „Wir haben uns auf dem Friedhof getroffen.“
„Auf dem Friedhof? Bei Nacht?“
„Es hat sich seit unserem Spaziergang gestern manches ereignet.“
Sonja verzog die Mundwinkel.
„Das ist gewisslich wahr!“, stimmte Frederike zu und dachte an ihre eigenen Erlebnisse vom Morgen. „Schlimme Dinge sind im Gange.“
Sonja nickte: „Deine Vermutung war richtig. Tobias ist in den Fängen des Vaters. Ich weiß nicht, was dieses Monster mit ihm vorhat und wie tief er tatsächlich schon gefangen ist – aber es ist viel schlimmer, als ich jemals befürchtet hatte.“ Große Sorge klang in ihrer Stimme. „Fast wäre es mir gelungen, nach einer Balgerei zu seinem Innern vorzustoßen und er wäre bereit gewesen, mit mir zu fliehen, da hat uns der Vater überrascht. Das Folgende war der Horror!“ Sonja stockte. Sie begann zu schluchzen und vergrub ihren Kopf in den Händen. „Frederike!“, schrie sie, „Tobias steht unter einem furchtbaren Zauberbann! Er ist nicht mehr Herr seiner selbst! Heinrich hat ihn! Oder wer auch immer!“
„Komm, Kindchen, es wird einen Weg geben.“ Tröstend legte die alte Erzieherin ihren Arm um Sonja und streichelte ihre Schultern. „Ich spüre eine Kraft, die diese Geschehnisse nicht widerspruchslos dulden wird. Alles wird gut werden!“
„Du hast nicht die Macht Heinrichs gespürt, Frederike! Du bist nicht dem grenzenlosen Grauen begegnet! Du kannst dir nicht vorstellen, wie grässlich das ist!“
„Sonja, glaub mir, ich weiß, wovon du redest. Nicht nur du hast die Macht der Finsternis erlebt“, sagte die Alte traurig und war ebenfalls den Tränen nahe. „Aber es gibt auch das Licht! Und es scheint in die Finsternis! Es wird hell werden in Hügelhain!“
„Ein Fluch liegt auf uns! Seit ewiger Zeit werden im Ort Menschenleben gefressen! Niemand kann sich dieser vernichtenden Gier entziehen! Früher oder später sind wir auch dran! Niemals wird sich das ändern!“, schrie Sonja.

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Leseprobe 3

Der Fluch des Fürsten

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Links neben dem Eingang war das Leichenhäuschen an die Mauer der Johanniskirche gelehnt. Die Tür stand offen, von drinnen waren Geräusche zu hören. Micha tippte Sonja an die Schulter und wies sie darauf hin. Sie unterbrach ihren Gang zum Grab. Still warteten sie auf das Kommende. Nach weiterem Gerumpel erschienen Max Schröcker und Franz Trüb in der Tür. Schröcker zog den Wagen, auf dem Schindlers Sarg stand, während Trüb hinten schob. Beide erschraken, als sie Sonja und Micha bei der Eingangspforte entdeckten.
Nicht ohne Genugtuung stellte Micha fest, dass ihre Anwesenheit Eindruck machte. „Wer sind die?“, flüsterte er Sonja zu.
„Max Schröcker vorne und hinten Franz Trüb“, gab sie leise zurück.
Besonders Schröcker wirkte durch die Begegnung verunsichert. Nach einem kleinen Moment des Verharrens setzten sich die beiden mit dem Wagen wieder in Bewegung. Sie mussten direkt an Micha und Sonja vorbei, würdigten sie aber keines Blickes.
Inzwischen waren auch Widers angekommen: „Guten Morgen“, grüßte Stefan etwas gedämpft von hinten.
Sonja und Micha drehten sich um: „Guten Morgen“, antworteten sie freundlich.
Elke Wider nickte ihnen zum Gruß wortlos zu, dann folgten sie still dem Sarg in einigem Abstand. Keiner von ihnen bemerkte, dass noch zwei weitere Personen den Friedhof betraten. Nach einem kurzen Gang erreichte die Gruppe das offene Grab.
Schröcker und Trüb gaben sich keine Mühe, das Ablassen des Sargs besonders stilvoll zu gestalten. Sie packten ihn und trugen ihn zur Grube. An deren Rand stellten sie ihn ab. Trüb kletterte auf einer Aluminiumleiter nach unten und nahm den Sarg in Empfang, der oben so lange von Schröcker über den Grabrand geschoben wurde, bis er kippte. Trüb ließ ihn unsanft auf den Boden rumpeln. Anschließend befestigte er an den vorderen Tragegriffen jeweils einen langen Kälberstrick, deren Enden er über das Grab hinauswarf. Er stieg an der Leiter wieder nach oben und zog diese aus dem Grab. Schröcker hatte die Stricke aufgehoben und gab einen davon Trüb. „Auf drei!“, sagte dieser.
Schröcker nickte.
„Eins, zwei, drei!“
Mit einem gemeinsamen Ruck zogen beide kräftig an ihren Stricken. Polternd rutschte der Sarg vollends ins Grab. Sonja musste für einen Moment die Augen schließen. Zu sehr setzte ihr dieser achtlose Umgang mit einem Verstorbenen zu. Ekel stieg in ihr auf. Auch Widers und Micha waren bei dem lauten, dumpfen Geräusch zusammengezuckt. Sie hatten für Schröckers und Trübs Verhalten nur Unverständnis übrig.
Max’ breites Grinsen zeugte davon, dass er die Abscheu der Anwesenden genoss. Mit einer etwas theatralischen Handbewegung warf er seinen Strick ins Grab. Unangenehm schlug dieser auf dem Holz des Sargs auf.
Trüb ließ seinen Strick einfach über den Rand der Grube ins Grab gleiten. Dies geschah fast geräuschlos. Anschließend begannen er und Schröcker sofort mit dem Verfüllen des Grabes. Micha schloss die Augen. Nur so konnte er in dieser Situation ein stilles Gebet für Hannes Schindler sprechen. Trotz allem wollte er ihn der Gnade Gottes anbefehlen. Er konnte nur ahnen, welche Flüche und Verwünschungen die anderen über ihm ausgesprochen hatten. Wenigstens dieses eine Gebet sollte den bösen Worten der anderen am offenen Grab entgegengestellt werden. Im selben Moment, als er die Augen geschlossen und sich Jesus für Hannes Schindler zugewandt hatte, fühlte er sich plötzlich in eine andere Wirklichkeit hineinversetzt. Er war schockiert, weil er nicht mit solch einer Vehemenz gerechnet hatte. In einem inneren Bild sah er einen ängstlichen und panischen Schindler, der sich sehnsüchtig nach seinem Gebet ausstreckte. Schindlers Gesicht war von Qualen verzerrt. Es schien, als ob er zwischen Hammer und Amboss geraten war, umschlungen von gewaltigen Fesseln, schutzlos dieser Tortur ausgeliefert. Sein ganzes Wesen war ein einziger stummer Schrei nach Gnade, doch dafür erntete er von den Schmieden nur Hohngelächter. Sie würden ihn schon zurechtbiegen!
Micha versuchte gegen dieses schreckliche Bild anzubeten, doch er musste feststellen, dass kaum etwas von seinem Ringen bei Schindler ankam und dieser in seiner Gebundenheit hinweggetragen wurde. Mit aller zur Verfügung stehenden Kraft bat Micha Jesus um Erbarmen und um Rettung für Hannes, aber er verschwand mehr und mehr in einem undurchdringlichen Grau. Micha fühlte darüber eine große Traurigkeit und versuchte in Gedanken, Schindler in den Nebel zu folgen. Es blieb ihm verwehrt. Ein Zupfen am Ärmel holte ihn in die Gegenwart des Friedhofs zurück. Er schlug die Augen auf und sah auf der gegenüberliegenden Seite des Grabs einen Mann und eine ältere, gebeugte Frau stehen. Noch ganz unter dem Eindruck des gesehenen Bildes vermischten sich für einen Moment sichtbare und unsichtbare Welt. Zu Michas großem Erschrecken sah er, dass die beiden nicht allein waren. Sie standen umringt von dunklen Gestalten, die sie wie unheimliche Schildwachen flankierten. Micha kniff die Augen zusammen.
Als er sie wieder öffnete, war die Erscheinung vorbei, obwohl er noch immer die dunkle Präsenz fühlen konnte. Ihm war klar, dass die beiden zur anderen Seite gehörten. Mit fragendem Blick wandte er sich Sonja zu.

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