Pfingstag-Verlag

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Der Schöpfer liebt dich

Es war ein wunderbarer Morgen Anfang September. Spätsommerlich bis frühherbstlich. Auf den Wiesen schillerte der Tau in allen Regenbogenfarben, die Luft roch würzig nach Erde und Harz. Im Vergleich zur letzten Woche war es auf dem Gelände deutlich ruhiger geworden. Viele waren abgereist, die aber, die dageblieben waren, wurden durch das schöne Wetter belohnt. Zu diesen Glücklichen gehörte auch Matze. Nach beruflich anstrengenden Wochen hatte er ein paar Tage frei und war zur Erholung mit seinem kleinen Caravan auf den Campingplatz gekommen. Er genoss die besondere Atmosphäre und liebte die Nähe zur Natur. Camping besaß für ihn etwas Ursprüngliches. 
Matze warf einen Blick auf die Uhr: 08:30 Uhr, Zeit zum Fertigmachen. Er hatte sich zu einer Wanderung angemeldet, die über die Rezeption angeboten worden war. Um 09:00 Uhr wollte die Gruppe starten. So packte er seinen Rucksack, zog die Wanderstiefel an und schlenderte gemütlich zum Zentralgebäude des Campingplatzes. Als er dort ankam, hatten sich schon etliche Mitwanderer eingefunden, die begeistert über das Wetter schwärmten und auf den Wanderführer warteten. Als dieser kam, stellte er sich mit Heiko vor und erklärte die Tour: „Wir wollen durch die Tobelschlucht hinauf zum Herbertskopf. Von dort haben wir einen herrlichen Rundblick über die ganze Gegend. Der Rückweg wird uns über die Ruine Greifenfels hinab zum Wehr führen, dann wieder zum Campingplatz. Ich wünsche euch viel Vergnügen! Ihr werdet begeistert sein!“
Während Heiko gesprochen hatte, war Matze ein Paar mittleren Alters aufgefallen. Sie waren als Letzte dazugekommen und blieben fast ein wenig versteckt im Hintergrund. Als sich nach der Einführung die Wandergruppe in Bewegung setzte, warteten die beiden solang, bis etwas Abstand zu den vor ihnen Gehenden gewachsen war. Ganz im Gegensatz zu allen anderen schienen sie nicht von dem prächtigen Wetter und der herrlichen Morgenstimmung angesteckt zu sein. Matze hatte den Eindruck, dass sie davon gar nichts bemerkten, weil sie mit irgendetwas anderem beschäftigt waren.
Ich werde mich mal zu ihnen gesellen, dachte er und ließ sich zurückfallen. Als er auf ihrer Höhe war, grüßte er freundlich: „Hallo, ich bin Matze. Schön, dass wir heute gemeinsam wandern!“
Die Anrede weckte das Paar aus tiefen Gedanken: „Hm? – Oh, Entschuldigung, mein Name ist Amal, und das ist Nadja, meine Frau.“
„Amal? Was für ein besonderer Name, der ist mir noch nie begegnet.“
„Der Name stammt aus dem Arabischen und bedeutet Hoffnung.“
„Hört sich gut an.“
„Wie man’s nimmt“, murmelte Amal.
„Seid ihr schon lange auf dem Platz?“
„Ein paar Tage. Wir hatten gebucht und leider keine Rücktrittsversicherung abgeschlossen.“
„Das hört sich ja fast wie eine Strafe an, jetzt hier sein zu müssen. Bei diesem schönen Wetter!“ Matze grinste ironisch.
Doch Amal und Nadja waren nicht zum Scherzen aufgelegt. „Ja, wahrscheinlich wäre es besser gewesen, zu Hause zu bleiben“, seufzte Nadja. 
„He, Moment, das war nur ein Scherz. Ich habe das nicht ernst gemeint. Ich meinte ja nur, ob euch dieser herrliche Spätsommertag nicht gefällt? Guckt euch diese Landschaft an, ist es hier nicht traumhaft?“
Amal hob den Kopf und sah sich um. Inzwischen waren sie in der Tobelschlucht angekommen, die sich eng und steil den Berg hinaufschlängelte. Mancher Ahorn hatte bereits sachte seine goldgelbe Herbstfärbung angenommen und neben ihnen rauschte der ungestüme Bach.
„Ja, hier ist es wirklich sehr schön, aber richtig genießen kann ich das gerade nicht. Tut mir Leid.“ Er zuckte schlaff mit den Schultern.
Matze fragte vorsichtig: „Es geht mich ja nichts an, aber was ist mit euch los, dass ihr so trübe drauf seid und keinen Blick für diese wundervolle Schöpfung habt?“
„Stell dir vor, du buchst einen Urlaub und am Tag der Abreise bekommst du mit, dass dein Werk geschlossen und die Produktion an einen anderen Ort verlagert wird. Es wird dir gesagt, dass du deinen Arbeitsplatz behalten kannst, zumindest für ein Jahr, wenn du den Umzug mitmachst. Ansonsten war’s das.“
„Oh.“ Matze schluckte. Für eine Weile wanderten sie still im Gänsemarsch bergan. „Es ist gut, dass ihr hier seid, und es ist gut, dass ihr an der Wanderung teilnehmt. Vielleicht kann euch ja diese herrliche Morgenstimmung auf andere Gedanken bringen“, sagte er schließlich und schwieg bis sie den Herbertskopf erreicht hatten, um dort Pause zu machen.
Amal nahm Nadja in den Arm. Sie blickten gemeinsam in die Weite und atmeten tief durch.
„Was für eine Landschaft! Wahnsinn!“, hörte Matze Amal laut denken, und er erinnerte sich dabei an ein paar Zeilen: „Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?“ (Ps. 8,4-5)
„Was hast du gerade gesagt?“, fragte Nadja.
„Ach, das war nur ein altes Gedicht.“
„Sag’s noch mal!“
„Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?“, wiederholte Matze und bemerkte, wie Amal und Nadja genau zuhörten.
„Von wem handelt dieses Gedicht?“, wollte Nadja wissen.
„Von Gott, der alles gemacht hat und der weiß, wie es uns geht.“
„Diese Worte sprechen mich sehr an.“
„Sie sind zu schön, um wahr zu sein, liebe Nadja. Für uns zu schön, um wahr zu sein.“
„Warum sollten sie nicht für euch gelten? Es steckt Kraft in diesen Worten. Traut euch, sie ernst zu nehmen, dann kehrt vielleicht wieder Hoffnung ein! Da ist jemand, der euch sieht und liebt. Kann ja sein, dass dieser jemand diesen wunderschönen Morgen nur für euch gemacht hat, und ihr seid nur deshalb auf die Wanderung mitgegangen, weil er euch eine Freude bereiten und neuen Mut geben will!“ Matze lächelte und breitete seine Arme vor der Landschaft wie vor einem reich gedeckten Tisch aus. „Das ist für euch!“
Ein verlegenes Lächeln huschte über Amals und Nadjas Gesichter. Matzes Worte blieben nicht ohne Wirkung auf sie. Der Gedanke, dass es einen gab, der mit Liebe an sie dachte und auf ihre Zukunft Acht hatte, machte etwas. Jedenfalls fiel zumindest das Atmen im Augenblick etwas leichter.

Steffen Pfingstag, Mai/Juni 2012

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