Pfingstag-Verlag

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Du bist der Mann

Nathan schreckt aus dem Schlaf hoch. Was hat er da gerade nur geträumt? „Kann das wahr sein? Will Gott wirklich von mir, dass ich den König anklage? Dass ich ihm Gottes Zorn androhe?“ Der alte Mann erhebt sich kopfschüttelnd und geht ruhelos im Zimmer auf und ab.
„Unglaublich! Unglaublich!“, murmelt er immer wieder und rauft sich die grauen Haare.
„Er ist doch der König! Er kennt seine Verantwortung! Wie konnte er nur so handeln? Hat ihm die Gier nach Lust so sehr den Blick verstellt? Wie konnten bei ihm bloß alle Sicherungen durchbrennen?“ Der Prophet setzt sich matt auf die Bettkante und überlegt. 
Sicher, er und David haben ein gutes Verhältnis – fast schon wie ein Vater zum Sohn – aber ob er dem König diese Wahrheit Gottes unter die Nase halten darf? Ein Wort Davids genügte und er würde seinen Kopf verlieren.
„Ich kann mich dem Auftrag Gottes nicht entziehen!“ Die verbleibende Nacht macht er sich Gedanken darüber, wie er diese Wahrheit David beibringen könnte und in den ersten Morgenstunden des neuen Tages hat er einen Plan.
Bald darauf steht er am Tor des Königspalasts. Die Wachen kennen ihn, und er wird ohne Formalitäten direkt zum König geführt.
„Ah, guten Morgen, mein lieber Nathan! Hast Du gut geschlafen?“ David ist von seinem Thron gesprungen und schließt seinen Hofpropheten in die Arme. Er ist bester Laune.
„Nicht so sehr“, brummt der Alte säuerlich. Ihn ekelt die gute Laune des Königs an.
„He, Du schaust drein, wie drei Tage Regenwetter! Welche Laus ist Dir denn über die Leber gelaufen?“
Finster senkt Nathan die Stimme: „Mir ist eine üble Geschichte zu Ohren gekommen!“
„Erzähl! Und setz’ Dich zu mir!“ David bietet ihm den Platz neben seinem Thron an.
Der Prophet nickt und folgt dem König. Doch heute fallen ihm die Stufen hinauf zum Thron viel schwerer als sonst. Als er oben angekommen ist und Platz genommen hat, herrscht für eine ganze Weile Stille im Thronsaal. David wartet geduldig, bis der Alte seine Stimme erhebt:
„Es waren zwei Männer in der Stadt“, beginnt er schließlich mit einem tiefen Atemzug, „der eine reich, der andere arm. Der Reiche hatte sehr viele Schafe und Rinder; aber der Arme hatte nichts als ein einziges kleines Schäflein, das er gekauft hatte. Und er nährte es, dass es groß wurde bei ihm, zusammen mit seinen Kindern. Es aß von seinem Bissen und trank aus seinem Becher und schlief auf seinem Schoß, und er hielt’s wie eine Tochter.“ Verstohlen blickt Nathan kurz zu David. Diesem scheint die Geschichte zu gefallen. Er hat es sich auf seinem Thron bequem gemacht und schlürft genüsslich an einem Kelch Wein. 
„Weiter, mein Guter, weiter! Deine Geschichte gefällt mir! Ich möchte wissen, wie es weiter geht!“
Nathan schüttelt den Kopf und fährt fort: „Als aber zu dem reichen Mann ein Gast kam, brachte er’s nicht über sich, von seinen Schafen und Rindern zu nehmen, um dem Gast etwas zuzurichten, der zu ihm gekommen war, sondern er nahm das Schaf des armen Mannes und richtete es dem Mann zu, der zu ihm gekommen war.“
„Er hat dem Armen sein einziges Schäflein geklaut?“ David runzelt die Stirn.
Nathan nickt.
„Obwohl er so reich gewesen ist?“
Nathan nickt wieder.
„Das darf doch nicht wahr sein!“, schreit David und schleudert seinen goldenen Kelch zu Boden. Er ist aufgesprungen und läuft zornig im Thronsaal auf und ab.
„Nathan, sage mir, wer dieser skrupellose Reiche ist! Er ist des Todes würdig! Hat er denn keinen Respekt vor unserem Gott? Doch bevor ich ihn hinrichten lasse, muss dieser schmuddelige Wurm dem Armen das Schaf vierfach bezahlen! So war der Herr lebt! Für diese Schandtat gibt es keine Gnade! Wachen, her zu mir! Dieser Übeltäter soll noch zur Stunde verhaftet werden!“ David hat sich in Rage geredet und fuchtelt wild mit den Händen herum. Mit einem Satz ist er bei Nathan und zerrt an dessen Gewand: „Los, Nathan, sag’ mir endlich den Namen dieses Schurken!“ Er starrt dem Propheten ins Gesicht.
„Du bist der Mann!“ Nathan erwidert den Blick des Königs mit gleicher Festigkeit. „Du bist der Mann!“
Davids Griff lockert sich. Sein vom Zorn gezeichnetes Gesicht verzerrt sich zu einer Fratze, in der sich Angst und Erschrecken widerspiegeln.
„Ich?“, haucht er leise mit blutleeren Lippen und taumelt zurück, als ob er einen Toten angefasst hätte. „Wie?“, stammelt er und sinkt vor seinem Thron auf die Knie.
„Hast du nicht dem Uria die Frau weggenommen? Hast du nicht mit ihr die Ehe gebrochen? Hast du nicht Uria dem Schwert der Ammoniter ausgeliefert? Hast du nicht sein Leben und seine Familie zerstört? Du, der du dir alle Jungfrauen in Juda leisten kannst? Du bist der Mann! Dem Herrn, unserm Gott, dröhnt dein verbrochenes Unrecht in den Ohren! Sein Zorn ist über dich entbrannt!“ 
Nathan hat sich erhoben und geht die Stufen des Throns hinunter. Schließlich ist er bei dem auf dem Boden liegenden, schluchzenden David angelangt und fährt fort: „Wie hat dir die Sünde nur so die Augen verblenden können? In deiner Gier nach Bathseba hast du Gott vollkommen vergessen! Du hast mit Absicht gesündigt, und als Bathseba von dir geschwängert war, hast du mit allen Mitteln versucht, die Sache zu vertuschen! Urias Blut klebt an deinen Händen! Ja, mein König, du hast recht, wenn du das Todesurteil über diesem Manne sprichst, denn diese Tat ist durch kein Sühneopfer mehr aufzuheben. David, du hast eine Todsünde begangen!“ Nathans Worte verhallen im Thronsaal, doch bleibt er erfüllt von ihrem schweren Gewicht. Nur das Weinen des Königs ist zu hören.
„Ich ... Ich habe gesündigt gegen den Herrn“, spricht David stockend. „Ich habe den Tod verdient und brauche keine Gnade mehr erwarten. Möge der Herr mir verzeihen.“
Der alte Prophet blickt in das mit Tränen überströmte Gesicht des Königs und er weiß, dass David bereit ist, für seine Untat zu sterben. Sanft nimmt er ihn am Gewand, richtet ihn wieder auf und spürt, dass der Herr ihm Barmherzigkeit widerfahren lassen will. Ernst, ohne Freude in der Stimme, teilt er ihm die Entscheidung Gottes mit: „Der Herr hat deine Reue erkannt, deshalb sei deine Sünde weggenommen. Er schenkt dir das Leben. Du wirst nicht sterben, aber du wirst die Folgen deiner Tat zu tragen haben!“ Mit diesen Worten verlässt Nathan den König.

Erzählung zu der biblischen Geschichte aus 2. Samuel 12, 1-15

Steffen Pfingstag, 15.Januar 1999; überarbeitet am 23.März 2011

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