Pfingstag-Verlag

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Weihnachten mit Sergeant Pepper


Draußen war es kalt. Und nass. Ein Wetter, bei dem man keinen Hund vor die Tür jagt, wie es so schön heißt. Sergeant Pepper hatte es sich vor seinem Lieblingsplatz, dem Kaminofen im Wohnzimmer, gemütlich gemacht und ließ sich die Wärme aufs Fell brennen. So konnte er den ganzen Tag liegen. Natürlich unterbrochen von den wichtigen Mahlzeiten, von denen er sich keine entgehen ließ. Da fiel immer etwas für ihn ab, ganz besonders in dieser Jahreszeit – schließlich brauchte er ja etwas Winterspeck – aber ganz besonders an diesem heutigen Tag und natürlich auch an den beiden, die noch kommen würden: Weihnachten! Gab es etwas Besseres, als den Tag vor dem warmen Ofen zu verdösen und sich abends den Bauch vollzuschlagen? Für Sergeant Pepper war die Antwort klar. Zufrieden schnarchte er auf seinem Stammplatz.
Erika Dietz, Toms und Julias Mutter, kam ins Wohnzimmer. Sergeant Pepper machte sich nicht einmal die Mühe, den Kopf zu heben. Er erkannte die Mitglieder der Familie an den Geräuschen, die sie machten. Also, wozu sich unnötig bewegen? Ein zufriedenes Schnaufen, mehr ein Grunzen, war die einzige Begrüßung, die er Erika zu Teil werden ließ.
Irgendwie ärgerte sich Erika über den faulen Pfeffer-Salz-Schnauzer. Obwohl sie in der Familie den Weihnachts-Stress schon längst abgeschafft hatten, gab es trotzdem einiges zu tun. Und dann nicht einmal ein Schwanzwedeln oder Kopfheben zur Begrüßung! Das fuchste Toms und Julias Mutter schon ein wenig: „He, Sergeant Pepper, du faule Ratte! Liegst hier gemütlich vor dem Ofen und wartest, bis es Abend wird! Das geht gar nicht! Raus mit dir! Sieh zu, dass du etwas Sinnvolles im Garten anstellst! Aber bloß kein Mausen! Wir haben schon genug Löcher im Rasen!“ Ohne viel Federlesen öffnete sie die Terrassentür und schwuppdiwupp fand sich Sergeant Pepper bibbernd auf der Terrasse wieder, und die Tür zur warmen Stube war hinter ihm zu.
Das war zu viel! Heulend und winselnd kratzte er an der Scheibe und musste voller Schreck erkennen, wie es sich die Familie zu einem gemütlichen Tässchen Kaffee nebst Plätzchen für einen Moment im Wohnzimmer gemütlich machte. Plätzchen! Aber das Schlimmste war, dass sich keiner von seinem Kläffen und Kratzen erweichen ließ. Alle schienen der Überzeugung zu sein, dass ihm etwas frische Luft und Bewegung besser taten, als zu viele Plätzchen schon am Nachmittag. Tief enttäuscht und beleidigt trollte sich der Sergeant in den großen Garten hinter dem Haus.
Familie Dietz wohnte am Ortsrand von Obersteinhausen. An das Grundstück grenzten Felder, Wiesen und in einiger Entfernung begann der Wald. Eine Gegend, in der sich Fuchs und Hase gut Nacht sagten. Was sollte er überhaupt draußen, fragte sich Sergeant Pepper und stöberte lustlos über das feuchte Gras. Unangenehm kalt pfiff der Wind über die Landschaft. Erste Schneeflocken mischten sich darunter, wirbelten ihm um die Schnauze und verfingen sich in seinem Bart. Die Kälte kroch ihm bis unters Fell. Tatsächlich: Man hatte ihn bei diesem Wetter vor die Tür gejagt! Das Sprichwort stimmt nicht! Was für eine Rabenfamilie hatte er da bloß?
Gerade begann er sich in seinem Selbstmitleid zu suhlen, als ein sonderbarer Geruch den Weg in seine feine Nase fand. Schlagartig war aller Katzenjammer vergessen! Sergeant Pepper spitzte die Ohren und schnüffelte aufgeregt in den Wind. Der hätte nun so kalt sein wollen, wie man es sich nur denken konnte, das störte ihn nicht mehr. Der Geruch elektrisierte ihn, denn er gehörte zu einem, den er schon lange auf seiner Liste hatte: Reineke!
Der freche Fuchs wohnte drüben im Wald und machte sich oft ein besonderes Vergnügen daraus, gerade dann durch den Garten zu streichen, wenn Sergeant Pepper im Haus war und durch die Terrassentür hindurch zusehen musste, wie er sich großspurig als Herr aufspielte. Manchmal hatte es sich Reineke sogar schon geleistet, bis auf die Terrasse zu kommen, keck darauf herumzustolzieren und mit dem Schwanz vor der Scheibe herum zu wedeln, während drinnen im Haus der Sergeant fast verrückt wurde vor Wut.
Hätte Sergeant Pepper heute Hände gehabt, er hätte sie sich jetzt gerieben. Vielleicht war nun die Gelegenheit, es dem Fuchs heimzuzahlen. Vorsichtig ließ er sich von seiner Nase leiten. Sie führte ihn zielsicher zu dem kleinen Loch im Zaun, durch das sich Reineke immer in den Garten zwängte. Sergeant Pepper war zu groß dafür, leider! Seine Nase sagte ihm, dass Reineke diesmal nicht vor dem Zaun war, sondern irgendwo im Garten sein musste. Sergeant Pepper brauchte ihn nur noch zu finden. Dann würde es etwas geben!
Mit der Nase auf dem Boden schnüffelte sich der Sergeant durch das Gras, dabei versuchte er so leise zu sein wie nur irgend möglich. Plötzlich blieb er wie angewurzelt stehen, spitzte wieder die Ohren und starrte hinüber zum Komposthaufen. Von dort kam Reinekes Geruch, zu hören war er auch schon – aber nicht zu sehen.
Weil Familie Dietz einen großen Garten hatte, hatte sie auch einen großen Komposthaufen. Darauf wurden die Garten- und Küchenabfälle geworfen, damit daraus nährstoffreicher Kompost für die Beete werden konnte. Natürlich war der „Duft“ der verrottenden Pflanzen für Reineke immer eine Inspektion wert, schließlich gab es beim Komposthaufen jede Menge Würmer, Käfer, Spinnen und manchmal sogar leckere Mäuse. Da nahm er gerne die Gefahr in Kauf, mit Sergeant Pepper Ärger zu kriegen. Reineke meinte, dass er viel schlauer als der Sergeant war. Bisher hatte er ihm jedenfalls immer ein Schnippchen geschlagen.
Doch der Schnauzer interessierte ihn gerade nicht die Bohne. Er hatte im Komposthaufen etwas viel Aufregenderes ausgemacht. Hinter den morschen Brettern, die den Komposthaufen begrenzten, kam ein Düftchen hervor, das ihm das Wasser im Maul zusammenlaufen ließ. Reineke setzte seine ganze Kraft und Schlauheit ein, um an diese Beute zu kommen. Wie wild buddelte er im Boden, damit er mit der Schnauze unter die morschen Bretter kommen konnte. Als er das geschafft hatte, riss er mit seinen scharfen Zähnen Stücke aus dem weichen Holz und so entstand da ein Loch, das bald so groß war, dass er mit dem Kopf und den Pfoten hindurchpasste. Angespornt durch diesen Erfolg bohrte er sich wie eine Made in den Komposthaufen hinein und wusste, dass er nur noch wenig von seinem Imbiss entfernt war. Plötzlich kam er zu etwas, das aussah wie ein Nest. Siegessicher stürzte er sich darauf. Gleich gab es etwas Leckeres! Doch mit einem Jaulen sprang er zurück, knallte mit dem Kopf von hinten gegen ein Brett, das leider nicht so morsch war, wie das unterste. Autsch, das gab bestimmt eine Beule! Schließlich schaffte er es nach draußen. Mann, tat ihm seine Schnauze weh! Mit beiden Pfoten rieb er sich darüber. Nur langsam ließ der Schmerz nach. Im gleichen Maß wie der Schmerz weniger wurde, wuchs seine Wut. Was hatte ihn da bloß so sehr gestochen? Zornig zwängte er sich wieder in den Komposthaufen, diesmal aber vorsichtiger. Knurrend ging er seinem Happen wieder zu Leibe. Da drin war auch so verdammt dunkel! Aber weil Reineke aufpasste, bemerkte er die kleine, stachelige Kugel nun rechtzeitig. Dich krieg ich, dachte sich der Fuchs und bearbeitete das stachelige Etwas sacht mit den Pfoten und rollte es so Stück für Stück zum Ausgang. Schließlich lag die saftige Beute vor ihm im Gras. Er musste nur noch an das leckere Innere heran kommen. Genau der richtige Appetithappen für den Anfang! Reineke stupste vorsichtig mit der Schnauze dagegen. Die kleine, stachelige Kugel rollte ein Stückchen vom Komposthaufen weg. Das hatte gar nicht wehgetan! Nun wurde er mutiger und begann die Kugel mit den Pfoten hin und her zu schieben. Partout wollte diese sich nicht öffnen und purzelte über den Rasen hierhin und dorthin. Reineke war so mit seiner Vorspeise beschäftigt, dass gar nichts mehr um sich herum bemerkte.
So auch nicht Sergeant Pepper, der noch immer wie angewurzelt an seinem Platz stand und vor Aufregung zitterte und leise knurrte. Da war dieser Schuft von Reineke! Trieb sich wieder mal in seinem Garten rum und besaß sogar die Frechheit, hier nach Fressbarem zu stöbern! Na warte! Sergeant Pepper brach in wütendes Gebell aus und spurtete los, dass die Blätter wirbelten.
Reineke zuckte zusammen und sah mit vor Schreck weit aufgerissenen Augen den wütenden Sergeant auf sich zustürmen. Mit einem Winseln machte er auf der Stelle kehrt und rannte in die entgegengesetzte Richtung davon. Sergeant Pepper immer dicht auf seinen Fersen. Reineke schlug Haken wie die Hasen, aber der Sergeant kam näher und näher. Schon meinte er seinen heißen Atem im Nacken zu spüren, da fiel ihm seine einzige Rettung ein: das Loch im Zaun! Reineke legte eine Vollbremsung hin, schlug einen weiteren Haken und rannte wie ein geölter Blitz zurück zum Zaun.
Sergeant Pepper war von diesem überraschenden Wendemanöver völlig überrumpelt und stolperte noch zu allem Überfluss über einen Maulwurfshügel und landete mit der Schnauze im nächsten. Bäh, er hatte das Maul voller Erde! Doch zum Putzen blieb jetzt keine Zeit. Wieselflink war er wieder auf den Pfoten und jagte dem frechen Reineke sofort hinterher.
Der hatte inzwischen einen ganz netten Vorsprung und nur noch wenige Meter bis zum rettenden Loch im Zaun. Sollte er Sergeant Pepper schon wieder entwischen? Der Sergeant gab alles! Wie ein Tornado stürmte er durch den Garten. Reineke war schon halb durch den Zaun hindurch, da blieb er plötzlich mit dem Fell am Zaun hängen. Mann, das zwickte und piekte! Und da kaum auch schon der Sergeant mit gefletschten Zähnen. Nun bekam Reineke richtig Panik. Er hüpfte und strampelte, er winselte und jaulte, er zerrte und zurrte, aber er hing fest. Sergeant Pepper setzte zum Sprung an, genau in diesem Moment kam Reineke frei und schlüpfte durch den Zaun hindurch – bis auf seinen Schwanz. Den bekam nämlich Sergeant Pepper zu fassen und zog augenblicklich wie wild daran. Jaulend hüpfte Reineke auf der anderen Seite des Zauns vor Schmerz in die Höhe und versuchte seinerseits davonzukommen. Nun entstand ein munteres „Seilziehen“. Hin und her ging es. Auf der einen Seite der knurrende Sergeant Pepper, auf der anderen Seite der keifende Reineke.
Mann, fühlte sich Sergeant Pepper gerade gut! Endlich hatte er den Fuchs mal am Schlafittchen! Er freute sich diebisch über dessen Angst. So ging es noch eine ganze Weile hin und her, bis der Sergeant genug hatte. Unvermittelt ließ er los. Gerade zu dem Zeitpunkt, als Reineke mal wieder wie wild nach vorne hüpfte. Doch plötzlich war er frei, und die ganze Kraft seines Sprunges ließ ihn ein paar Meter weit fliegen und schließlich mit der Schnauze in einer halbgefrorenen Pfütze landen. Platsch! Reineke kümmerte sich nicht darum und suchte, so schnell er konnte, das Weite. So bald würde er sich nicht mehr in diesem Garten blicken lassen. Er hatte seine Lektion gelernt.
Triumphierend bellte ihm der Sergeant nach, bis Reineke im Wald verschwunden war. Mann, war Sergeant Pepper nun stolz! Wer war der Herr im Garten? Er! Wie ein Gockel stolzierte er am Zaun entlang. Dem Reineke hatte er es gezeigt!
Doch was hatte der Fuchs da überhaupt aus dem Kompost gezogen? Sofort waren Sergeant Pepper das Stolzieren und der Fuchs egal. Er eilte zum Kompost und fand das stachelige Etwas halb aufgerollt im Gras. Erschreckt guckten ihn zwei dunkle Knopfäuglein an und eine spitze Nase schnüffelte aufgeregt umher. Ein Igel. Ein kleiner Igel. Ein sehr kleiner Igel für diese Jahreszeit. Er blutete auch ein bisschen an einer Pfote. Sergeant Pepper war sofort klar: Dieses Würmchen brauchte Hilfe! Sanft nahm er den kleinen Igel in sein Maul – das piekte schon ein bisschen – und trug ihn vorsichtig durch den Garten zur Terrasse. Sacht legte er ihn auf den Fußabstreifer und bellte so lange vor der Terrassentür, bis endlich Julia kam und ihm öffnete.
Im selben Moment stürmte Tom ins Wohnzimmer. Er hatte von seinem Zimmer aus die wilde Jagd im Garten beobachtet: „Mensch, Julia, hast du das gesehen?“, rief er aufgeregt. „Sergeant Pepper hat einen Fuchs durch den Garten gejagt. Mann, das war vielleicht cool!“
„Und er hat jemanden gerettet“, sagte Julia leise und bückte sich nach dem kleinen Igel. „Ist der süüüß!“ Sie hob die kleine stachelige Kugel auf. „Haben wir einen alten Schuhkarton?“ Julia setzte den Igel auf der Fußmatte innen ab.
„Keine Ahnung.“ Tom zuckte mit den Schultern. „Vielleicht weiß Mum etwas. Machen wir erst mal die Tür zu. Draußen ist es ja so was von ungemütlich!“
Genau!, dachte Sergeant Pepper und drückte sich sofort ins Warme hinein – natürlich an seinen Lieblingsplatz.
Dann geschah etwas Seltsames. Während Tom und Julia nach einer passenden Behausung für den kleinen Igel suchten, rollte sich dieser auf, schnüffelte mit seiner Nase in die Luft des Wohnzimmers und machte sich auf den Weg. Die Fußmatte war ihm zu ungemütlich.
Sergeant Pepper genoss seinen Sieg und die Wärme des Ofens. Er kümmerte sich nicht um den Kleinen. So trippelte dieser an ihm vorbei und hielt direkt auf den schon aufgestellten Christbaum zu. Darunter war die große Holzkrippe aufgebaut: Mit einem richtigen Stall, echtem Heu und Stroh und schönen Figuren. Da zog es den kleinen Igel hin. Zielstrebig suchte er sich einen Platz im Stall, dort wo das Heu besonders verlockend erschien, direkt neben der Krippe mit dem Jesuskind. Dass dabei ein paar Figuren umpurzelten, war ihm egal, die Krippe aber blieb wie durch ein Wunder stehen.
Als Tom, Julia und ihre Mutter mit einem Schuhkarton ins Wohnzimmer kamen, konnten sie den Igel nicht mehr sehen.
„Sergeant, wo ist der kleine Igel?“, fragte Julia aufgeregt.
Sergeant Pepper hob den Kopf und schien zu verstehen. Rasch war er auf den Pfoten und nahm ohne Probleme die Fährte des Kleinen auf. Er schnüffelte quer durchs Wohnzimmer und blieb fiepend und Stummelschwanz wedelnd vor der Krippe stehen.
„Da ist er ja!“ Erika Dietz lächelte. „Genau am richtigen Platz!“
„Stimmt, wo kann es besser sein als bei Jesus?“ Tom musste auch lächeln. „Der beste Platz für die Kleinen und Schwachen, nicht?“
„Richtig, scheinbar hat unser kleiner Freund das geahnt. Dort wo Jesus ist, da ist er gut aufgehoben.“
„Na ja, er hat ja auch einen großen Schutzengel gehabt, was Sergeant Pepper?“ Julia streichelte ihm über den Kopf
„Wuff!“, blaffte der Sergeant leise, weil er den Igel nicht erschrecken wollte.
„Tja und alles nur, weil ich mich über seine Faulheit geärgert, und ihn rausgeworfen habe.“
„Sieht fast so aus, als ob das so hätte sein sollen, Mum. Ansonsten wäre der kleine Igel nicht von Sergeant Pepper gerettet worden.“
„Ja, sieht fast so aus, Tom. Aber heute ist ja auch der Retter geboren. Warum sollte das für unseren kleinen Freund nicht auch gelten, oder?“ Mama Dietz tätschelte Sergeant Pepper den Rücken. „Ich hoffe, du bist mir wegen des Rauswurfs nicht mehr böse. Fröhliche Weihnachten, Sergeant Pepper!“
Sergeant Peppers Stummelschwänzchen rotierte vor Freude. Das war auf jeden Fall, die beste Geburtstagsfeier überhaupt: Jesus geboren, Fuchs gejagt, Igel gerettet und bald leckeres Fresschen! Da blieb nur noch zu sagen: „Wuff!“

Steffen Pfingstag, 28.11.2013



Tom und Julia und der Clochard


„Geht noch mal mit Sergeant Pepper Gassi, damit er uns nachher beim Essen nicht stört, weil er raus muss. Heinz und ich kümmern uns derweil ums Kochen. Bruno wird bestimmt auch bald vor der Tür stehen. Also, hurtig!“
„Boah, das Wetter ist aber seit heute Nachmittag nicht besser geworden! Muss das sein?“, maulte Tom, der überhaupt keinen Bock auf Gassi am Heiligen Abend hatte.
Übrigens waren Julia und Sergeant Pepper genauso wenig von Mama Dietz’ Anweisung begeistert.
„Ich könnte doch dir und Pa in der Küche zur Hand gehen?“ Julia versuchte, sich zu drücken.
„Und mich bei dem garstigen Wetter mit dem Sergeant allein in der Dunkelheit herumirren lassen?“, protestierte Tom. „Das geht ja wohl gar nicht!“
„Vater und ich kommen sehr gut alleine in der Küche zurecht. Danke, Julia, und jetzt zieh dir was Warmes an.“
Tom grinste und fing dafür sofort einen Knuff von seiner Schwester. „Autsch!“, lachte er unter gespieltem Schmerz.
„Komm Sergeant, mit diesem verweichlichten Weichei möchten wir nichts zu tun haben!“
„Oooch, du armes, armes kleines Mädchen musst nun auch raus in die gar finstre Nacht!“, scherzte Tom weiter, während er sich seine Winterjacke, Handschuhe und Mütze anzog.
„Blödmann!“, zischte Julia, konnte sich aber ein Schmunzeln nicht verkneifen. Auch sie machte sich bereit und legte Sergeant Pepper die Leine um.
„Lasst euch ruhig etwas Zeit!“, rief Papa Dietz aus der Küche.
„Die wollen uns echt loswerden, damit sie den Braten für sich alleine haben!“, flachste Tom als er vor die Tür trat.
„Puh, kalt!“ Julia fröstelte es, so direkt aus dem Warmen in die Kälte und Dunkelheit hinaus.
Sergeant Pepper schnatterte ebenfalls. Seiner Meinung nach war er heute schon lang genug draußen gewesen und hatte sich sein gemütliches Plätzchen am Ofen mehr als reichlich verdient.
„Also, kommt! Bringen wir es hinter uns! Bestimmt schmeckt dann das Essen nachher doppelt so gut. Der Duft war ja jetzt schon so was von lecker!“ Tom stapfte los und schlug direkt den Weg über die Wiesen ein.
Den ganzen Nachmittag hatte es leicht geschneit und der Boden war fest gefroren.
„Verrückt, wie viel man bei Dunkelheit noch sieht!“, stellte Julia fest. „Guck mal, drüben ist sogar der Waldrand gegen den Nachthimmel erkennbar.“
„Das liegt bestimmt an der leichten Schneedecke. Aber der Wind pfeift genauso kalt wie heute Mittag.“ Tom mummelte sich tiefer in seine Jacke ein.
Für eine ganze Weile gingen die Geschwister stumm nebeneinander her, während der Sergeant lustlos über die Wiese stöberte. Sie erreichten den Waldrand und marschierten auf dem dort verlaufenden Weg weiter. Dieser Weg mündete schließlich auf eine wenig befahrene Kreisstraße ein, die Obersteinhausen mit einem Nachbarort verband.
„Guck mal, da vorn ist das einsame Bushaltehäuschen!“ Julia zeigte mit ausgestrecktem Arm dorthin.
Das Bushaltehäuschen stand irgendwo mitten auf der Strecke zwischen den beiden Dörfern. Kein Mensch wusste genau, warum es da überhaupt hingestellt worden war. Vielleicht um den Leuten von den verstreuten Bauernhöfen etwas Schutz zu bieten, wenn sie auf den Bus warteten. Aber der fuhr ja nur zweimal am Tag hier entlang. Jedenfalls hatte Tom dort noch nie jemanden warten sehen.
„Komm, so gehen wir zurück!“, entschied er. „Das Bushaltehäuschen ist ein ganzes Stück vom Dorf weg, wir wollen heute schließlich wieder heimkommen. Was soll denn der Braten sonst ohne uns machen? Außerdem ist mir inzwischen verdammt kalt.“
„Einverstanden!“, schniefte Julia, deren Nase irgendwie eingefroren wirkte.
Weil es ohnehin nur wenig Verkehr auf der Straße gab, ging Tom davon aus, dass heute am Heiligen Abend erst recht niemand hier unterwegs sein würde. Außer vielleicht Bruno, der ab und zu diesen Weg nahm, um von seinem Steinbruch zu Familie Dietz zu kommen. Trotzdem wählten die Geschwister die richtige Seite, wenn man außer Orts auf einer Verkehrsstraße ging: links, auf der Seite des entgegenkommenden Verkehrs.
Nach nicht allzu langer Zeit hatten die Geschwister und Sergeant Pepper zum Bushaltehäuschen aufgeschlossen. Der Wind blies kräftig in ihre Rücken, richtig ungemütlich.
„Jetzt aber rasch!“, trieb Tom zur Eile an und fand dafür bei Julia und Sergeant Pepper sehr offene Ohren.
„Bonjour Monsieur, Bonjour Mademoiselle, Bonjour le chien – öh der ’und.“
Die drei erschraken. Selbst Sergeant Pepper, der doch immer so wachsam ist, wurde kalt erwischt. Umso mehr ging er gleich in knurrende Verteidigungshaltung über.
„Oh, pardon. Isch wollte eusch nischt erschreckön“, entschuldigte sich der Fremde.
Tom hatte sich vom ersten Schock gefangen und entdeckte nun den Mann, der es sich irgendwie auf der Bank im Bushaltehäuschen gemütlich gemacht hatte. „Wer sind Sie?“, fragte er mit gerunzelter Stirn und war froh, dass der Sergeant in seiner Verteidigungshaltung sehr bedrohlich wirken konnte.
„Isch bin Claude, und wer seid ihr?“
„Mein Name ist Tom.“
„Ich bin Julia, und der hier, der ist Sergeant Pepper.“
„Wuff!“
„Ein bisschen spät für junge Leute, ’eute, non?“
„Und wenn Sie heute noch auf den Bus warten, werden Sie wohl die ganze Nacht hier sitzen, und morgen den halben Tag!“, gab Tom keck zurück.
„Hi, hi, hi, mon Dieux, du lieber Gott, du bist ganz schön gewitzt! Mais, isch bin Claude. Compris?“
„Compris, Claude.“ Tom hatte schon eine ganze Weile Französisch in der Schule und begriff, was der Fremde meinte: „Wir lassen das Sie weg.“
„Bien, gut!“ Claude nickte zufrieden.
Die Geschwister traten näher, auch der Sergeant war gelassener geworden.
„Mais, es ist No?l, Weihnachten, was macht ihr ’ier in diese Dunkel’eit?“
„Wir gehen noch ’ne Runde Gassi mit dem Sergeant. Sind aber schon auf dem Rückweg“, antwortete Julia.
„Oui, dann beeilt eusch, das Fest wartet auf eusch!“ Claude lächelte. „Bonsoir, guten Abend“
„Und du, Claude? Warum bist du nicht zu Hause?“, fragte Julia.
„Öh.“ Claude zuckte mit den Schultern. „Isch ’abe keine Zu’aus. Isch bleibe ’ier.“
„Wie, du hast kein Zuhause?“ Julia kniff die Augen zusammen.
„Isch lebe gerade auf der Straße.“
„Kein Dach über dem Kopf?“
„Non, pas du tout, über’aupt nischt.“ Claude fummelte in seiner Brusttasche nach einer Zigarette und zündete sie sich an. Er tat einen tiefen Zug. „C’est la vie – so ist das Leben.“
„Das ist aber traurig!“ Julia trat einen Schritt näher. „Warum hast du kein Zuhause?“
„Isch bin eine Clochard, eine Tippelbruder. Isch ’atte in der letzte Zeit nischt viel Glück. C’est ça, so ist es.“
„Aber du bist doch ein ganzes Stück von Frankreich weg. Was machst du hier? Was hat dich nach Obersteinhausen geführt?“
„Vielleischt isch finde ’ier Arbeit, en Allemagne.“ Wieder tat er einen tiefen Zug an seiner Zigarette, so dass deren Spitze in der Dunkelheit hell aufglühte. „Mais au moment, aber im Augenblick ’abe isch eine Plattfuß.“ Er nickte zum Vorderreifen seines Fahrrads. „Zu kalt, zu ungemütlisch pour réparer, zum Reparieren. So, isch warte.“
„Du wartest? Worauf?“
„Auf die neue Tag. Dann isch ziehe weiter.“
„Wohin?“
„Je ne sais pas, isch weiß es nischt.“
„Du kannst doch nicht am Heiligen Abend hier in dem kalten Bushaltehäuschen sitzen bleiben!“, schaltete sich Julia wieder ein.
„Bien sûr, natürlisch. Wo sollte isch sonst ’in?“
Just in diesem Moment näherte sich ein Auto. Tom erkannte es sofort an seinem Motorengeräusch. Deshalb trat er ein Stückchen aus dem Bushaltehäuschen heraus und winkte. Es war Bruno in seinem Geländewagen.
Bruno hielt an und stieg aus. Wie immer wirkte er mit seiner Größe und dem mächtigen Rauschebart wie ein großer Bär oder wie der Nikolaus. „Was macht denn ihr noch hier draußen?“, brummte er ein wenig besorgt. „Oh, hallo Sergeant! Alles klar?“ Er tätschelte dem Pfeffer-Salz-Schnauzer auf den Kopf. Erst jetzt bemerkte er, dass da noch jemand war. „Guten Abend“, grüßte er misstrauisch.
„Bonsoir.“
„Das ist Claude. Ein Clochard. Wir haben ihn gerade kennengelernt“, stellte Julia ihn vor.
„So, so, ein Clochard.“ Bruno musterte Claude genau.
„Keine Sorge, isch beiße nischt. Keine Grund misstrauisch zu sein.“ Claude schmunzelte, weil er wusste, dass er ein wenig verwildert aussah.
„War gerade auf dem Weg zu euch. Schließlich wollen wir gemeinsam feiern heute, nicht?“ Bruno merkte, dass Tom und Julia mit dem Wort ‚feiern‘ nicht ganz glücklich waren.
„Und was machen wir derweil mit Claude?“ Julia sah Bruno an.
„Keine Problème, isch bleib ’ier in die ’äuschen. Eine schöne Abend, eusch!“
„Mensch, Bruno, das geht doch gar nicht!“, raunte Tom ihm zu. „Wir können den armen Tropf doch nicht hier in der Kälte lassen. Und noch am Heiligen Abend!“
„Nö, das geht eigentlich nicht!“, stimmte Bruno zu.
„Dann packen wir ihn eben ein und nehmen ihn mit!“, schlug Julia vor. „Bevor er uns hier noch festfriert.“
Claude wehrte ab: „Non, non! Isch werde euren Abend nischt stören! Isch ’abe schließlisch noch etwas honneur, Ehre in die Leib!“
Tom und Bruno tauschten Blicke. Dann war alles klar. Ohne weitere Worte zu verlieren, packte Bruno das Fahrrad, es sah in seinen bratpfannengroßen Händen wie ein Kinderrad aus, und steckte es durch die Heckklappe in den Geländewagen. „Los, alles einsteigen! Ich hab Kohldampf!“
„An deiner Stelle würde ich Bruno jetzt nicht widersprechen. Der kann ziemlich ungemütlich werden, wenn er Hunger hat!“, flüsterte Julia Claude augenzwinkernd ins Ohr.
„Öh, dann muss isch wohl mit, non?
„Oui, sieht wohl so aus!“ Julia grinste.
„Bon, gut. Allez, geh’n wir.“ Claude stand auf, nahm seinen Rucksack und legte ihn zu seinem Fahrrad.
Danach stiegen alle ein.
„Es ist mir ein wenisch peinlisch.“
„Passt schon. Unsere Eltern sind einiges gewöhnt! Keine Sorge!“, versuchte Tom Claude zu beruhigen.
„Mais isch bin eine Clochard! Keine Gast für solsch schöne Abend!“
„Das waren die Hirten damals auch nicht, Kumpel!“ Bruno gab Claude auf dem Beifahrersitz einen Knuff mit dem Ellenbogen. Claude blieb fast die Luft weg. „Öh, ’tschuldigung! Hö, hö, hö!“
„Stimmt, und der König ist in einem Stall geboren – auch nicht gerade ein Luxushotel der Extraklasse!“, gab Tom vom Rücksitz vor.
„Jedenfalls hätten wir dich nicht im Bushaltehäuschen sitzen lassen können. Fest hin, Fest her!“, sagte Julia mit Bestimmtheit.
Bald hatten sie das Haus der Familie erreicht.
„Sieh mal, wir sind schon da!“ Kaum war der Wagen zum Stehen gekommen, rannte Julia zusammen mit Sergeant Pepper zur Tür und klingelte Sturm.
„Na, na, na! Einmal hätte gereicht!“, begrüßte Papa Dietz seine Tochter und musste aufpassen, dass er nicht vom Sergeant über den Haufen gerannt wurde, der wie der Wind den leckeren Düften in die Küche nachjagte.
„Du, Paps, wir haben Besuch mitgebracht!“
„Klar, Bruno. Das war doch ausgemacht!“
„Nee, da ist noch jemand: Claude.“
„Claude?“
„Wir haben ihn beim einsamen Bushaltehäuschen aufgegabelt. Den konnten wir unmöglich dort sitzen lassen, oder?“
Bevor Heinz Dietz antworten konnte, waren die anderen auch an der Haustür angekommen.
„Bonsoir Monsieur. Pardon, isch wollte nischt stören. Mais …“ Claude zuckte entschuldigend mit den Schultern, während sich Brunos kräftiger Arm wie ein Schraubstock um ihn schloss.
Papa Dietz schmunzelte. Wer konnte Brunos Arm schon entfliehen? „Na, dann alle mal rein!“ Er trat zur Seite und das Haus füllte sich.
Kurz darauf saßen sie um den reich gedeckten Tisch und warteten darauf, dass Bruno mit einem Gebet anfing, irgendwie war er dafür zuständig:
„Hm, hm“, brummte er und begann: „Lieber Jesus, schön, dass du zu uns gekommen bist und uns Frieden gebracht hast. Alle haben wir deine Liebe nötig, und wir wollen teilen, was wir von dir empfangen haben: Die Liebe und die Gaben! Vielen Dank für unseren netten Gast, Claude, mit dem du uns heute bekannt gemacht hast, und vielen Dank für das schmackige Essen! Amen und Mahlzeit!“
Alle lachten. Bruno war bekannt für seine fröhlichen und gleichzeitig tiefsinnigen Gebete.
„Merçi beaucoup, vielen Dank! Isch niemals ’ätte geglaubt, dass sisch öffnet für misch ’eute noch eine Tür! C’est un miracle! Das ist ein Wunder!“
„Ganz Weihnachten ist ein Wunder! Weil der Himmel die Erde berührt.“ Mama Dietz lächelte und zwinkerte den Geschwistern zu.
„Auf jeden Fall!“, antworteten sie mit dicken Backen.
„Was meinst du?“, fragte Tom Sergeant Pepper.
Doch das gewohnte „Wuff“ blieb aus. Zu sehr war er mit seinem Festfresschen beschäftigt. Das Ziel des Tages war erreicht.
Steffen Pfingstag, 29.11.2013




 

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